Am Ort der Traumfänger

Es fühlt sich schon normal an, ich fliege mal wieder nach Rio de Janeiro. Am Flughafen Manaus treffe ich einen Bekannten wieder. Amerikaner aus Colorado, wir hatten das Vergnügen am Teatro Amazonas bei einem Bierchen die Theorie zu diskutieren, ob Hitler seine letzten Tage in Paraguay verbracht hat und seine Knochen dort begraben liegen. Jetzt stehen wir nebeneinander am Check-in. Die Welt der Reisenden ist auch nicht größer als Köln, da läuft man sich ja auch immer mal zufällig über den Weg. Zum dritten Mal in kurzer Zeit steuere ich auf Rio zu. Die von mir vergötterte Stadt empfängt mich mit viel Tamtam und Musik, natürlich für seinen größten Fan 😉, aber auch weil morgen, am 20.1., die Stadtgründung vor rund 500 Jahren gefeiert wird, nachdem ein flotter Portugiese beim Anlanden dachte, er hätte einen neuen Fluss entdeckt und den Ort der angeblichen Mündung kreativ, wie sich unsere Vorfahren entpuppten, „Fluss des Januar“ taufte.

Der Uber-Fahrer telefoniert ganz aufgeregt, klar bei so viel Festivität, denke ich. Danach erklärt er mir, dass sein Bruder, ebenfalls für Uber tätig, gerade in eine Favela gefahren ist, die ihn mit Kugelhagel empfangen hat. Er redet mir eindringlich ins Gewissen, mich nur in als sicher gekennzeichneten Zonen zu bewegen und am besten so wenig wie möglich zu Fuß. Mir kommt ein argentinisches Sprichwort in Erinnerung: „Dios está en todos lados, pero atiende en Buenos Aires“ (Gott ist überall, seine Sprechstunde findet aber in Buenos Aires statt). In Rio scheint er jedenfalls weniger vorbeizuschauen und sein Landsmann Cristo schaut mit leerem Blick von seinem hohen Sockel aus in die Ferne. Meine Homebase-Favela „Santa Teresa“ empfängt mich mit toller Aussicht und nicht abreißender, ohrenbetäubender Musik, die man mitunter auch Lärm nennen könnte. Ich komme zu dem Schluss: Rio ist eine Stadt, die eine magische Anziehungskraft ausübt, um auf jeden Fall wiederzukommen, um einen dann nach ein paar faszinierenden und aufregenden Tagen wieder ziehen zulassen; ein Magnet aber keine Wunschheimat.

Am Rande notiert: Das „Uber“ – das Taxi, der Carsharing Generation. Nicht du findest das Taxi, sondern das Uber findet dich. Meist steige ich in der zweiten Reihe ein, während sich in der ersten die Taxifahrer die Beine in den Bauch stehen. Die gelben Neonschilder auf den Autodächern werden immer weniger, aber den Postkutschenfahrer hat auch niemand vorm Aussterben gerettet. Transparenz ist das Zauberwort. Die App hat den Fahrpreis durch einen völlig undurchschaubaren Algorithmus festgelegt und bereits von meinem Konto abgebucht. Ich begrüße den Fahrer wie einen alten (meist jungen) Bekannten per Handschlag und Vorname. Mein Sitzplatz ist vorne als Beifahrer in einem individualisierten, persönlich gepflegten Automobil, oft neueren Modells. Einstellungen bzgl. Luftzufuhr und akustischen Klängen sind mir überlassen und oftmals ergibt sich ein nettes Gespräch. Zum Abschluss ein Augenzwinkern: klar, 5-Sterne Bewertung, bekommst du von mir gerne und ich schließe die Tür und die App.

 „Zucker und Salz, Eier und Schmalz, …“ was für den Kuchen gut ist, ist auch für den Krümel passend. Also auf zum süßen Hut und danach einen Spaziergang durch das salzige Nass am Fuße des Wahrzeichens, wo sich die, die was auf sich halten, wie die Maden im Speck wälzen. Mit Gegensätzen in Weltmetropolen bin ich seit meiner Zeit in Buenos Aires gut vertraut, aber Rio de Janeiro setzt noch einen drauf, König sticht Herzdame. Das alles übertrumpfende Ass liegt allerdings in der Einzigartigkeit einer Naturvielfalt – im Amazonas. 

Auf meiner Reise zolle ich Respekt an meine zwei Lieblingsautoren: John Grisham und Lee Child, sie haben alles gegeben und mich viele Stunden begleitet. Aber lesen ist einfacher als schreiben, sodass ich mich nun etwas gedulden muss und mich eine Zeit ins Fegefeuer lege, welches Dan Brown für mich entfacht hat.

Werbeanzeige für alle Segler unter uns: Eine meiner Reisebekanntschaften, ein deutscher Hobby-Segler, erzählte mir ganz begeistert und fasziniert von seiner vor kurzem getätigten Reise. Zwei Monate auf einem Luxus-Katamaran von Teneriffa bis in die Karibik. Ein bisschen Segel-Volunteering gegen Kost und Logie. Es ist einfacher als gedacht. Die Superreichen brauchen ihre Luxus-Segelboote im europäischen Sommer am Mittelmeer und im lateinamerikanischen Sommer in der Karibik. Also heuern sie einen Kapitän an, der die Überfahrt tätigt. Dieser stellt seine eigene kleine Rechnung auf und tauscht einen vollbezahlten Matjes gerne mal gegen einen Volunteer. Einfach mal am Hafen langschlendern und bei den luxuriösen Seglern an die Reling klopfen. Wartezeit liegt nach Hören-Sagen unter 2 Tagen und 5 Versuchen.

Die Zeit schreitet voran, ein Großteil meiner Reise liegt bereits hinter mir, so nehmen die Abschiede unweigerlich zu. Mit Reinhard Mey rufe ich meiner Gastfamilie in Rio zu: „Gute Nacht Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen“. Aber es fällt mir wirklich schwer, meinen Blick von der Terrasse auf diese anziehende Stadt abzuwenden und so reize ich meinen letzten Morgenkaffee soweit aus, dass es dann doch etwas knapp wird mit der Fahrt zum Busbahnhof. Aber kein Problem, ein freundliches Wort zu meinem Uber-Freund und schon werden aus roten Ampeln Vorfahrt-achten-Schilder. Autotür zu, Bustür auf, so habe ich das als Tutor für Supply Chain bei Prof. Horst gepredigt und verinnerlicht. Als Belohnung für diese vorbildliche Umsetzung tausche ich meinen Hintersitz gegenüber der Toilette gegen den Vordersitz an der Frontscheibe, da zwei Backpacker gerne zusammensitzen wollen. Wenn ich mich im Bus so umsehe, stelle ich fest, was mir über die Wochen im Unterbewusstsein schon mehrfach über den Weg gelaufen ist. Ein Brasilianer ohne Tattoo stellt eine Seltenheit dar. Form und Größe reichen dabei von unscheinbar bis Komplettabdeckung. Ich mache eine mentale Notiz, dass ich hierzu mal einen Brasilianer ausfrage. Nun aber übernehmen die schlaffen Kekse: „Keep on rollin‘, rollin‘, rollin‘“.

Am heutigen Reiseziel angekommen, bin ich völlig von den Socken. Meine neue Bambus-Baumhaus-Unterkunft ist von oben bis unten gemütlich und ich fühle mich vom ersten Moment an sauwohl. Mit Liebe dekoriert, hängen überall Traumfänger und selbstgemalte Sprüche von weisen Verstorbenen. Unweigerlich merke ich jedoch, dass sich bereits die ersten Anzeichen der Heimreise bemerkbar machen. Das Hostel wird von Argentiniern betrieben. Die zwei Agro-Joga Lehrer nehmen mich mit auf einen interessanten Ausflug in die Welt der Akrobatik. Ausklingen lassen wir den Abend bei veganer Lasagne und Bob Marley. Wenn ich meinen Ausflug in die Welt der halluzinierenden Pflanzen nicht bereits in Jugendjahren abgehakt hätte, hier wäre ein passender Ort dafür. Darüber hinaus ist jedoch mein Bedürfnis am Thema Halluzination mehr als abgedeckt.  

Da ist er wieder, der perfekt in die Natur eingepasste Outdoor-Autor Schreibtisch. So springen die Gedanken fröhlich von Synapse zu Synapse. Am Ende aber zählt das geschriebene Wort, also los geht’s. Kundalini weckt uns mit sanften Klängen und der Duft von frischem Kaffee liegt in der Luft. Mit einem mit Liebe zum Detail zubereiteten Frühstücksbuffett starte ich in den neuen Tag, welcher mich mit puren Gedanken über neue Brücken, neue Wege zu einer verlassenen Bucht führt. Den Abschluss meiner Reise hätte ich mir in meinen Gedanken nicht schöner ausmalen können. So treibe ich im Meer und flüstere ein fröhliches „Adeus!“.

Aufgeweckt durch amerikanische Dosenwärme: „On the road again“. Mein Ziel für heute: ordentlich gerädert sein. So besteht mein Backpacker-Reisetag aus der Nutzung jeglicher Art von Rädern: Lokaler Bus -> Fernreisebus -> Uber-Transfer -> Flugzeug -> Uber-Transfer. Und so endet kurz vor Mitternacht im Tigre Delta in Argentinien, was im Wald von Paraty in Brasilien vor den ersten Sonnenstrahlen begonnen hat.

Bestandsaufnahme zum Schluss: Allein reisen? Definitiv Wiederholungstäter! Das einzige, was ich auf meiner Reise schlussendlich nicht benutzt habe, war das neugekaufte Rucksackschloss und meine Ersatzkreditkarte. Ich setzte ein erleichtertes Grinsen auf bei dem Gedanken an die vielen Warnungen: „Du reist allein nach Brasilien und vor allem Rio de Janeiro: Junge, pass auf!“ Wart ihr schon mal hier? Die allermeisten würden mit „Nein“ antworten. Nichts macht uns mehr Angst als das Unbekannte. Furchtlos zu werden, ist also ganz einfach: Alles kennenlernen. Es formt sich schon die nächste Reiseidee im Kopfe. So verabschiede ich mich vorerst und biete euch Fi-Di-Bus als Ohrwurm an: „Ab auf die Reise, am besten noch heut‘ Nacht, wo uns morgen früh die Sonne lacht“.

Ein Kommentar zu “Am Ort der Traumfänger

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