Auf zu den Mosquitos

Mit dem Boot mache ich mich in Begleitung von Welleaten auf den Weg flussabwärts. Die Azide nehmen ab, dafür nimmt das lebendige Wildleben weiter zu und leider zählt hierzu auch die Gattung der blutsaugenden Fliegetierchen. Aber dann schleppe ich meine Pullen voll „No-bite“ wenigstens nicht nutzlos durch den Dschungel. Zwei Tukane begleiten uns ein Stück und eine ganze Flussdelphinfamilie ist völlig entzückt, dass wir zufällig dieselbe Reiseroute haben. Bei unserer flussabwärts gelegenen Pousada angekommen, heißt es gleich zur Begrüßung „How much is the fish?“. Also scootern wir los, diesmal ohne Sprung ins kühle Nass, da die Piranhas hier gerne mal am Zeh zwicken. Die schwarzen Piranhas sind größer, aber wählerischer beim Köder. Unsere bescheidene Ausbeute kommentiert das über uns baumelnde Faultier mit völliger Regungslosigkeit.

Meine Spezialbehandlung setzt sich fort, als einziger Gast in der Pousada gehöre ich direkt zum Inventar. Die Köchin brutzelt uns die Piranhas und der Hausherr gibt brasilianische Folklore auf der Gitarre zum Besten. Der tschechisch-amerikanische Hopfen lockert unsere Zunge und ich fallo portugues muito bonito tudo la noite. Der Tag beginnt bereits um 5:30 Uhr mit einem farbenfrohen Sonnenaufgang. Schon summt es in meinem Kopf: „Take me down to my boat on the river“. Gut gestärkt nach einem obstreichen Frühstück – es gibt eine Vielzahl an Obstsorten, die gut schmecken, lustig aussehen und deren Namen ich mir nicht merken kann – geht es los. Den Urubu und seinen Seitenarmen entlang machen wir uns bei sengender Hitze auf den Weg zum gewaltigen Rio Amazonas. Begleitet werden wir von Papageien und diversen bunten Verwandten, die uns den Weg weisen. Unser 2-Takter röhrt vor sich hin und auch wenn wir uns am Steuerknüppel abwechseln, überlasse ich diese knochendurchschüttelnde Arbeit gerne zum Großteil meinem treuen Gefährten. Welleaten ist ein echter Allrounder, denn als uns nach 2 Stunden die Motorschraube flöten geht, hat er Ersatzteil und mechanisches Geschick parat, sodass uns ein mühsames Zurückpaddeln erspart bleibt. Der Amazonas empfängt uns mit seinen zeusartigen Wellen und beeindruckt schier durch seine Größe. Ausgestattet mit genug Abenteuergenen setzen wir mit unserem Bötchen zur Überquerung an, werden aber schon nach kurzem so durchgeschüttelt, dass Welleaten zum Rückzug bläst. Seiner Aussage zufolge gäbe es hier Fische so groß, dass sie Menschen fressen. Ob das stimmt, keine Ahnung, aber die vorsichtige Attitüde des sonst so draufgängerischen Welleaten lässt mich vermuten, dass schon ein Quäntchen Wahrheit daran sein wird. Die Bändigung des 2-Takters hat Welleaten über den Tag etwas müde gemacht, sodass er sich auf dem Rückweg entschied ein kleines Nickerchen zu machen und wir somit Vollspeed in den Busch reinrauschen. Eine Anakonda haben wir dort nicht angetroffen, aber einer Vielzahl von großen und kleinen Vielbeinern haben wir so eine Mitfahrgelegenheit verschaffen können. Nach so viel Aktion freue ich mich auf eine Runde in meiner Hängematte.

Die Köchin hätte mir gerne meinen Wunsch fürs letzte Abendmahl erfüllt, aber gegrillte Anakonda war dann doch etwas übers Ziel hinausgeschossen. Um mir dennoch etwas besonderes zuzubereiten, hat sie sich vom Nachbarn ein Gürteltier geholt. Da die auch im Amazonas geschützt sind, hat er dies eben zufällig Tod rumliegend gefunden. Ich habe meine Amazonas-Familie hier sehr ins Herz geschlossen und wir lassen diese schöne Zeit mit Gitarre und Gelächter ausklingen und löffeln noch ein bisschen Guarana-Pulver, um 100 Jahre alt zu werden. Der letzte Tag startet mit Manjock-Pfannkuchen und einem letzten Abstecher in den Dschungel-Dickicht, um den vielen neuen Bekanntschaften auf Wiedersehen zu sagen. Als wir uns denn Richtung Manaus aufmachen, kreuzen unzählige verlassene Kirchen unseren Weg. Ob Franziskus mit seinem Ehezugeständnis hieran etwas ändern kann, ist fraglich. Die übergeordnete Frage wird dabei nie angetastet. Im Vatikan werden ja auch keine Bananen angebaut, wieso im Dschungel also Katholiken züchten? Aber nicht jede Frage hat eine Antwort, also gebe ich mich den vielen Ereignissen und neuen Erfahrungen hin und lasse mich auf der weiteren Rückfahrt von Roxette begleiten: „Sleeping in my car“.

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