Welcome to the jungle

Aufgewacht sind wir bei Nora und Antonio. Hier hatten wir ein paar schöne Tage und vom Beisammensein her, fühlte ich mich in meine Zeit im Chalet bei Amancio und Colo zurückversetzt. Guns’n’Roses, Begleiter dieser Zeit, kommen mir in Erinnerung: „Welcome to the jungle“. So lasse ich mich von Fi-Di-Bus verleiten: „Ab auf die Reise, am besten noch heut‘ Nacht“. So packte ich flott mein Büggelchen und stand mal wieder am Flughafen, fast so als hätte ich es mir zum Ziel gesetzt, bei dieser Reise den angeschlagenen Fluggesellschaften etwas unter die Arme zu greifen. Aerolíneas Argentinas brachten mich zurück nach Rio. Bei Ezil sammele ich noch mein restliches Gepäck wieder ein, drehe noch eine Runde durch meine Hood Santa Teresa und huldige unter Einfluss von Mojito der 61jährigen kubanischen Unabhängigkeit. Die Kollegen Che Guevara, Fidel Castro und Cienfuegos sind mir ja bereits aus einer früheren Reise bestens bekannt. Ich schicke noch einen letzten Gruß zu meinem argentinischen Engel und sitze wieder auf der Startbahn 03, Wind Nordost bringt mich Richtung Brasilia. Ein kurzer Blick auf die Hauptstadt, schon bringt mich LATAM wieder in die Luft: Zielort Manaus. In der 3 Millionen Metropole kommt nur das bereits bekannte Großstadt-Dschungel-Feeling auf, aber ein nettes Hostel wartet auf mich mit einem obstreichen Frühstück, unbekannt aber geschmacklich gut.

Die Sonne geht bereits um 5:30 Uhr auf, am späten Vormittag also (7 Uhr) treffe ich Antonio, den Master of Organisaster der kommenden Woche. Er stellt mir Welleaten vor, der die Gruppe für die nächsten Tage in den Dschungel begleiten wird. Erst einmal starten wir nur zu zweit im Auto, wir müssen gut 3 Stunden fahren, um zum Bootsanleger des Rio Urubu zu gelangen. Von dort aus tuckert uns Francisco mit einem Zweitakter eine gute Stunde in die abgelegene weite Wildnis des Amazonas. Dort angekommen, traue ich meinen Augen kaum, eine traumhafte Eco-Lodge mitten in die Wildnis gehauen, gekrönt mit einem hohen Aussichtsturm, von dem aus ich weit in den Amazonas blicke. Erste Amtshandlung: Hängematte aufhängen. Nachdem mir keiner gesagt hat, ich müsse auf irgendetwas achtgeben, flitze ich also kreuz und quer, um die Gegend kennenzulernen und den besten Platz zu spotten. Dabei mache ich gleich auf den ersten Metern Bekanntschaft mit einer grünen Palmviper, kaum zu erkennen, daher wäre ich auch beinahe in sie hineingelaufen. Nur gut, dass ich offensichtlich keine Bedrohung für sie darstellte, der giftige Biss hätte ein schnelles Ende meines Abenteuers bedeutet. Die völlig relaxte Reaktion von Welleaten zeigt mir, ich bin im Dschungel angekommen, das ist hier normal, schau halt etwas, wo du hintrittst. Ok, Schreck überwunden, weiter geht’s, Hängematte aufhängen, vielleicht nur doch nicht so tief im Busch wie ursprünglich gedacht. Kurz darauf klingelt es zum Essen und ich bin gespannt auf die anderen, immerhin fast die Lodge ca. 40 Gäste. Als neben mir nur noch zwei Russinnen mit ihrem eigenen Guide um die Ecke kommen, dämmert es mir so langsam, was der Taxifahrer letzte Nacht mit absoluter Low-Season meinte. Der Lonely Planet ist an dieser Stelle sehr lückenhaft, beschreibt er zwar in großem Detail, dass Januar/ Februar Hochsaison ist, da alle Brasilianer Urlaub haben, verpasst aber zu erwähnen, dass die Brasilianer kein Interesse an ihrem faszinierenden Dschungel haben, sondern sich lieber an überfüllten Stränden wie Sardinen in der Dose tummeln. Absoluter Jackpot also, nicht nur einen Exklusiv-Guide für die nächsten Tage, auch mein geteilter Schlafsaal verwandelt sich in ein geräumiges Einzelzimmer. Gut gestärkt paddeln Welleaten und ich in unserem Holzkanu durch die überfluteten Wälder auf der Suche nach einem geeigneten Angelspot. Als Vollblut Brasilianer ist er immer noch sehr von dem 7:1 bei der Weltmeisterschaft gekränkt und sucht Revanche. Profi gegen Amateur, nicht die fairste Ausgangslage, aber ein großer Spaß nichts destotrotz und ich lasse ihm seinen glorreichen 8:2 Sieg beim Piranha angeln. Aus dem Nichts startet ein heftiger Regenschauer, was uns nicht davon abhält einfach weiter zu fischen. Und siehe da, beim Regen beißt auch der Catfish an, hier endet das Spiel mit einem ausgeglichenen 1:1. Es wird also lecker Fischplatte heute Abend geben.

Beim Anlegen scherzt Welleaten noch etwas rum, dass man im Urubu gut schwimmen kann, die Piranhas tun nix und die Kaimane kommen erst nachts. Wie aufregend, keine 5min später schwimme ich im Urubu, mein Herz klopft am Anfang noch ordentlich, aber mit der Zeit wird es normal. Urubu heißt übrigens „Fluss der schwarzen Geier“. Der Legende nach haben sich hier Indigene und Portugiesen einst niedergemetzelt und die Leichen in den Fluss geworfen, wo sie von den Aasfressern mit Freude empfangen wurden. Die schwarze Farbe des Flusses kommt von Aziden im Boden, die den tollen Nebeneffekt haben, dass die Mücken es meiden. Nach der leckeren Fischplatte machen wir uns in der Nacht auf, um Kaimane zu suchen. Alleine die Nachtfahrt mit dem Kanu über den pechschwarzen Fluss bei Mondschein und die die überfluteten Wälder hindurch ist ein absolutes Highlight. Wir finden ein Baby-Kaiman, den wir etwas kitzeln, damit er nach seiner Mutter ruft. Aber der Kleine scheint sich nicht gut benommen zu haben, denn die Mutter überlässt ihn sich selbst.  Vollgesaugt mit so vielen Erlebnissen und Eindrücken lasse ich mich von den vielen Urwaldgeräuschen in den Schlaf singen.

Da nur Welleaten den genauen Ablauf meines Tages kennt, lasse ich mich nach lecker frittierten Bananen überraschen. Vamos amigo, das heißt so viel wie, nimm deine Hängematte wir gehen jetzt in den Urwald. Die nächsten 24 Stunden sind einfach spektakulär, Amazonas at its best. Damit wir uns nicht an der Tiervielfalt vergreifen müssen, nehmen wir Wellcooking für unser leibliches Wohl mit auf die Tour. Gefühlt wie ein früherer europäischer Entdecker mache ich mich mit meinem Macheten bestückten Begleittrupp auf den Weg in den Urwalddickicht. Ich bin überwältigt von der Vielfalt der Pflanzen, von Vick Vapeurup, über den gelben Malariaheilbaum bis hin zum Deliriumbusch ist alles dabei. Welleaten in seinen großen weißen Gummistiefeln bewegt sich etwas klamsig vor mir, aber sein Seh- und Hörsinn ist spektakulär, so zeigt er mir eine Reihe interessanter Kleinst- und Flugtiere. Meine geliebten Affen sind leider etwas scheu und verfolgen das Dreiergespann aus sicherer Entfernung. Bei der ersten Flusskreuzung schlagen wir unser Mittagslager auf. Ich raste etwas in meiner Hängematte. Welleaten macht sich ans Werk und schnitzt derweil unser Besteck und bastelt Teller aus Palmenblättern. Gut ausgeruht und gestärkt geht es weiter in den wilden Amazonas. Nach mehreren Stunden erreichen wir einen kleinen Wasserfall, ideal um kurz ins kühle Nass zu springen. Ein schöner Platz für die Nacht. Wir sind nicht die ersten, die diesen Platz wählen, daher gibt es schon eine provisorische Planenüberdachung. Das ist auch ganz praktisch, denn schon prasselt der tropische Regen auf uns nieder. Mit der besten Intention unsere Überdachung zu verstärken, stürzen sich die zwei Well-Männer mit ihren Macheten in den Busch. Als der erste Baum mit lautem Gekrache auf die Überdachung niederschlägt und mich darunter begräbt, bekommt die Kompetenzvermutung der beiden einen gehörigen Knacks, zum Glück ohne Knacks meiner Knochen. Nach zwei Stunden scheint wieder die Sonne und unser Nachtlager ist stabil aufgestellt.

Da ich meinem Guide vorgeschwärmt habe, dass ich noch in den Bäumen übernachten möchte, bietet er mir an, meine Hängematte hoch in die Bäume zu hängen. Herrlich! Wir bauen also eine Baumleiter und hängen meine Hängematte auf ca. 5 Meter in die Bäume. Ich bin völlig begeistert. Als Gegenleistung erfreue ich meine Begleiter mit Dosenbier, welches ich schwitzend auf meinem Rücken durch den Dschungel getragen habe. Als ich in der Nacht zu meiner Hängematte hochklettere gebe ich einer Riesenspinne noch High-Five. Einfach mal wieder Glück gehabt, dass ich nicht hineingegriffen habe, man weiß ja nie, welches Gift die Vielbeiner mit sich schleppen. Ich freue mich über meine Portion Naivität, hätte ich mir vorher Gedanken gemacht, was auf dem Baum so rumkrabbeln könnte, hätte ich meine Hängematte wahrscheinlich neben meine zwei Macheten-Boys gehangen. Die Nacht ist traumhaft, mit etwas Mondschein präsentierte sich die Urwaldsilhouette in voller Pracht. Die Geräusche sind vielfältig, aber in keinster Weise beängstigend. Ich konnte nach den vielen Eindrücken gut Wegschlummern. Aufgeweckt werde ich vom leckeren Duft frischen Kaffees. Nach dem Dschungelfrühstück machen wir uns auf den Rückweg. Als wir zum Mittag wieder an der Lodge ankommen, freue ich mich, mich mit einer Kokosnuss und einem guten Buch in meine Hängematte an den Urubu zurückzuziehen.

Ein neuer Tag – ein neues Abenteuer. Bei meinem ersten Blick auf den Urubu begrüßen mich zwei flippige Fluß-Delphine und winken mir zu mit ihnen zu schwimmen. Scheinbar sind sie etwas in Eile, denn bis ich meine Badehose anhatte, waren sie bereits weitergezogen. Nach meinem ersten Bad fletze ich mich in meine Hängematte und stelle fest, dass ich bereit zur Crew gehöre. Die neuankommenden Touristen sehen mich als ihren „Go-to-guy“ und ich beantworte gerne alle Fragen, gebe Ratschläge und erzähle Abenteuergeschichten. Nach getaner Arbeit setze ich mich Indian Jones mäßig in ein kleines Kanu und erkunde die Flusslandschaft auf eigene Faust. Langsam taste ich mich mit meinem Boot in den Dickicht vor, aber mittlerweile habe ich eine „Feeling-at-home“-Attitude zum Dschungel etabliert, sodass ich schon bald völlig selbstverständlich herumpaddle und nach Kaimanen Ausschau halte.

Mit Welleaten mache ich mich zum Nachmittag auf, einen Manjock-Farmer zu besuchen und etwas über deren Anbau und Verarbeitung zu lernen. Besonders interessant finde ich unseren Nachmittags-Snack, Kaffee mit getrocknetem Puff-Manjock, welcher dann als Kaffee-Müsli gelöffelt wird, durchaus schmackhaft. Die scharfe Manjock-Chilli-Soße hingegen zerfetzt einem eher den Gaumen, da hätte ich mal besser auf Laura, den bunten Haus-Papagei, hören sollen, der die ganze Zeit „não, não“ vor sich herplappert. Leider neigt sich mein Abenteuer an diesem oberen Teil des Urubu bereits dem Ende zu, dafür habe ich heute Abend die ungeteilte Aufmerksamkeit der gesamten Crew, die paar wenigen anderen Gäste campen im Dschungel. Der Caipirinha wiegt uns ins Land der Träume.

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