Ich war wieder alleine unterwegs, diesmal allerdings nur ein beruflicher Kurztrip nach Berlin. Aber wie ich feststelle, eignen sich auch diese für gute Geschichten:
Ich sitze nach einer erfolgreichen Schulung selbstzufrieden beim Frühstück. Es ist 5:45 Uhr, auch in Berlin ist es noch dunkel. Wie schon Olli und ich in grauer Vorzeit unwissenden und unmotivierten Studierenden die Tempelmeische Produktionstheorien nähergebracht haben, fühlte ich gestern einen gewissen Dozentenspirit in mir, als ich 20 internationalen AHK Beratern die Anerkennungspraxis erklärt haben. Als Wirtschaftswissenschaftler wusste ich vorauf es ankommt, gib ihnen monetäre Anreize (in Form unserer Berta-Gimmicks) und sie bemühen sich Interesse zu heucheln, während der selbstverliebte Dozent sich auf der Bühne toll finden darf. Dass aber doch ein paar zugehört haben, merke ich beim Italiener danach. Wenn die Geldquelle aus dem Ministerium irgendwann versiebt, starte ich vielleicht doch noch mal als Gastdozent durch.
Wie erwähnt, es ist noch früh, aber der Kaffee und Freddys Hinweis auf einen unterhaltsamen Artikel zu den politischen Intrigen im Bildungsministerium helfen. Leider ist der Artikel zu lang und ich vergesse die Zeit und höre Horst T. flüstern: just in time. Auf geht’s, Sean Paul schreit: get busy. Ich schwinge mich aufs kostenlose DB-Rad, freue mich, dass Lutz mir gestern meinen DB-Silber-Status wieder zuerkannt hat. Noch bin ich optimistisch: Sean Paul ist mittlerweile bei: gimme the (green) light. Mir dämmert, dass die Google Zeitangaben sich eher an Profisportlern orientieren und so wechsle ich bei Sean Pauls: Temperature in den Triathlon-Modus und gebe Gas. Plötzlich springt meine Playlist und wechselt zu „Born in the U.S.A.“. Hey, das war doch eine ganz andere Geschichte. Oder nicht? Joe Biden is in the house. Berlin versinkt im Chaos. Ernste Gesichter, Maschinenpistolen überall und die von früher vertraute Türstehergeste: du kommst hier nicht rein. Diese Ansage gilt für 2 km rund um den Regierungsbezirk. Zu blöd, dass da auch der HBF liegt. Spotify springt zurück in meine Sean Paul Playlist: we be burnin‘. Das Muskelfleisch brennt, aber noch bin ich nicht zum Aufgeben bereit. Häuserblock um Häuserblock arbeite ich mich an der Absperrung ab. Spotify sorgt für einen Hoffnungsschimmer und schaltet zu Celebrity Skin mit „Hole“. Ich gebe Lutz sein Fahrrad zurück und schlüpfe durch den Häuserspalt. Bahnhofseingang in Sichtnähe. Leider auch die übergroße Uhr. Sie sendet das Signal an meinen Kopf: dein Zug fährt JETZT ab. Ich erinnere mich an meine Reise vor nicht allzu langer Zeit und bleibe im Triathlon-Modus: Disziplin Laufen. Verlässlichkeit bedeutet, dass du dich auf einen immer wiederkehrenden Zustand einstellen kannst. Auf die Unpünktlichkeit der Bahn ist verlass! Nachdem ich mich bei meiner gestrigen Anreise noch geärgert habe, dass ich sehr knapp zu meiner Schulung kam, bin ich Lutz heute Morgen zu Dank verpflichtet.
Da sitze ich nun ich armer Tor: halbglatziger, verschwitzter Vierziger sucht Sitznachbarin. Kein Problem wir leben im Kapitalismus und rein beruflich kenne ich mich damit ja aus. Der Zug ist überfüllt, denn Lutz ist auch Kapitalist. Ich ziehe mein Ass aus dem Ärmel und tausche meine zweite Sitzplatzreservierung (die Lutz meiner erkrankten Kollegin ja nicht zurückerstattet) gegen eine angenehme Sitzplatznachbarin ein, statt neben einem Merz Double zu sitzen, von denen es zu Hauf gibt, als würde Lutz Rabattkarten für konservative Anzugträger vergeben. Aber vielleicht liegt es heute auch nur daran, dass der Berliner Flughafen auch voller Maschinengewehre ist, statt Passagiere.
Genug des amüsierten Schreibens, es ist mittlerweile 7:45 Uhr, besser ich fange mal an zu arbeiten, schließlich muss das Kleingeld für die nächsten Abenteuer verdient werden.