Wham! 5 Uhr der Wecker klingelt und erinnert mich daran, um was mich Jesi gestern Abend gebeten hat: “Wake me up, before you go go”. Also auf geht’s, nicht ganz meine präferierte Aufstehzeit, aber die Aussichten sind vielversprechend: abheben, landen, abheben, landen, abheben, Karibik. Aber nur wenn die just-in-time Logistik mitspielt. Äußere Umstände sind hinzunehmen, innere Dispositionen zu überwinden. Und damit fängt es schon an. Noch ein Kaffee, noch schnell die Nasenhaare stutzen und schon bin ich ein paar Minuten später aus dem Haus als geplant. Alles immer positiv sehen, nicht immer zielführend, aber ein Lebensmotto, von dem ich nicht abweichen will. Ich sehe es also als sportliche Morgenbetätigung mit meinen Rucksäcken zum Friesenplatz zu joggen. Bin eh zu dünn angezogen und zudem sitze ich ja den Rest des Tages in Zügen, Flughäfen, Flugzeugen. Also alles bestens. Köln HBF, erster nicht beeinflussbarer externer Faktor: Zug kommt pünktlich, braucht dann aber Verschnaufpause und fährt einfach nicht weiter. Ich komme ins Schwitzen. Aber noch nicht wegen der Verspätung, sondern wegen meines morgendlichen Runs.
Flughafen Düsseldorf, alles edelweiß hier. Gepäckabgabe nur am weißen Self-Service Schalter, nicht ganz so edel. Ich habe noch ein paar Minuten Zeit, ab zum Bäcker. Ein Kaffee auf die Hand und Pommes und Champagner auf die Ohren. Der Düsseldorfer ist tief in sich drin, eben auch ein Kölner. Ich danke Kasalla für die Erheiterung und freue mich, dass ich Karneval wieder zurück bin.
Ein Auszug meiner Fantasie:
Vollgetankt mit Schweizer Luft (Swiss Air) und Schweizer Schokolade geht es ab nach Kanada, oder doch eher Frankreich? Montréal ist mit 3,7 Millionen Einwohnern nach Paris die zweitgrößte französischsprachige Stadt, Französisch sprach ich auch einst fließend, davon ist 22 Jahre später nicht mehr viel übrig. Aber davon lass ich mich nicht abhalten, bin ja ein Kontaktmensch und so erzähle ich freundlich allen wie ich heiße, wenn sie möchten (Je m’appelle Daniel, s’il vous plaît). Und für den guten Ton und weil es hier so viele Türen gibt, lasse ich immer wieder meinen Lieblingssatz aus meiner Zivi-Heimat Straßburg einfließen: “attention à la fermeture automatique du porte.“ Irgendwann ist das den sehr freundlichen Kanadiern dann auch zu viel und die Türen gehen einfach nicht mehr wieder auf und wir heben ab. Der Flug dauert gefühlt 5 Stunden länger als gedacht. Vielleicht weil ich bereits seit 20 Stunden unterwegs bin, oder weil wir den amerikanischen Luftraum weiträumig umfliegen, damit wir für die Luftraumnutzung keine 25% Zoll bezahlen müssen.
So hätte es ablaufen sollen. Ist es aber nicht. Stattdessen die Realität:
10 Minuten vor Boarding beginnt eine Reise der Gefühle, die in wenigen Stunden verschiedene Höhen und Tiefen durchlebt. Aber der Reihe nach:
- SMS von Swiss Air: Flug mit edelweiß Air nach Zürich annulliert.
Gefühl: Oh man!
- Daniel, ein Yogaleher und HipHop-Latino Musikproduzent aus Köln bekommt die gleiche SMS und wir sind schon zwei mit demselben Problem. Mein Namensvetter, ein bisschen Handy affiner: schau mal, wir können hier direkt online umbuchen. Klick, klick, klick. Wir sitzen auf einem Flug nach Frankfurt mit Direktverbindung mit Lufthansa nach San José. Weniger Umstiege, 4 Stunden früher da.
Gefühl: Oh geil!
- Boarding nach Frankfurt. Die nicht so stressresistente Gate-Beschäftigte informiert: Sie haben ihr Gepäck auf Band 6 abgeholt und neu eingecheckt. Krick, krick. Nein, haben wir nicht, die App sagt, alles durchgecheckt bis Costa Rica. Sie: das ist falsch, die Koffer sind draußen, außerhalb des Sicherheitsbereichs. Wir haben hier auch keinen Zugriff auf die Systeme. Es Bedarf beharrlicher Überzeugung, schlussendlich von Screenshots, dass der Fehler hier bei der Airline liegt und nicht beim uninformierten Fluggast. Unsere Leidensgemeinschaft wächst auf 6 Personen, Hannah und Leo sowie ein Rentnerpärchen reihen sich ein. Weiteres Draufeinreden und Einbindung des Supervisers ändern das Ergebnis nicht: kein Zugriff, melden sie sich beim Lufthansa Schalter in Frankfurt. Na gut, et es wie et es. Kurz mal in die Luft hüpfen, Landung in Frankfurt. Wir haben 40 Minuten bis zum Boarding nach Costa Rica, 25 Minuten Fußweg zum Gate. Wir investieren also 15 Minuten beim Lufthansa Service. Ich erinnere mich an meine Therapeutin Anna. Alle Gefühle dürfen sein. Ich bin aufgebracht und das scheinen alle so zu interpretieren, sodass ich mich à la Christa für die Belange der Gruppe einsetze. Fazit: kann man mal machen, aber gebracht hat es nichts, außer dass die Vorgesetzte des Service Centers jetzt auch genervt ist. Sie erinnert mich an die aktuellen Politiker: Perfektionismus in Schuldzuweisung: hat der Kollege in Düsseldorf falsch gesagt, hier können wir nichts tun und Formulare gibt es nur online; für die fehlerhafte Technik sind wir nicht verantwortlich. Lufthansa lernt von der aktuellen Politik, oder andersherum. Abschied: kein Getränkegutschein, sondern unhöfliche Aufforderung: jetzt fangen Sie an zu rennen, sonst kommen Sie zu spät zum Gate.
Gefühl: Oh scheiße!
- Boarding geschafft, gerade so und noch schnell das Online-Gepäcknachsendeformular ausgefüllt. Hannah und Leo sind noch etwas jünger, bedeutet in diesem Fall, digitaler unterwegs. Ihr AirTracker sagt: Gepäck liegt bei Lost & Found in Düsseldorf. Eine kurze Mail bestätigt das. Und der sehr nette wie geschwätzige Steward (um auch ein gutes Haar an der Lufthansa zu lassen) schaut direkt in meiner Sitzplatzinfo nach. Gepäcknachlieferung bereits hinterlegt. Sollte innerhalb von 24 Stunden zur Urlaubsadresse geliefert werden und Entschädigung gibt es auch noch, ich bin gespannt auf die Realität. Jetzt genieße ich erstmal meinen Direktflug mit mehr Beinfreiheit (ruhiger Flug, kompetenter Pilot, Julian bist du geflogen ;-))
Gefühl: Oh Abenteuer, wie ich es liebe 🙂
