San José – the one hour city

Erster Eindruck: wie zuhause am Brüsseler Platz: ein Haufen schräger Vögel, aber nichts Gefährliches. Nach einer Mütze Schlaf wache ich “Ohne Helm” auf (Kai’s One-Hit-Wonder aus seiner Zeit, wo er noch zu dritt Liebe machte). Ich bin planlos unterwegs und das vorsätzlich! Dieses Kribbeln, wenn du irgendwo ankommst und nicht weißt, wo es von hier aus hingeht. Mit ausreichend kölschem Lebensgefühl im Gepäck verlasse ich mich auf Die Räuber, sie haben den passenden Tipp für einen gelungenen Start: oben – unten – links – rechts – vor -zurück – drehen, drehen, drehen.

Ein paar Besorgungen stehen an. Ich stelle schnell fest: andere Länder, andere Sitten: die deutsche Regulierungsperversion wird hier nur müde belächelt. Der pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA) verkauft mir rezeptfrei meine Psychopharmaka. Nur nicht in der Dosierung, die ich nehme: mit so geringen Mengen fangen die hier gar nicht erst an. Ich mache also einen Großeinkauf und stelle fest: auf der Packung steht sehr wohl “rezeptpflichtig”. Aber auch unsere Zertifikatsgläubigkeit kann in Costa Rica niemand nachvollziehen. Der PKA versteht sich in seiner Profession gleichzeitig als Arzt, Problem umgangen. Also sitze ich anschließend wie ein kleiner Drogenjunkie in meinem Zimmer und zermahle weiße Tabletten zu Pulver und stelle mir meine Drogen in der richtigen Dosierung selbst her. 

Die Hauptatraktion von San José ist eine Statue einer dicken Frau. In Köln reibt man dem Tünnes sein Nas, dem Schäl sein Schuh, hier stehen Touristenscharen schlange, um der Frau auf den Hintern zu hauen und ihre Brust zu massieren. Mal sehen, ob ich für diesen glücksbringenden Körperkult noch eine vernünftige Erklärung finde, als reinen Machismus (fotografieren wollen sich die Männer dabei nicht lassen; siehe Foto). Daneben gibt es noch so 1 bis 5 interessante Kolonialbauten, unter anderem ein imposantes Gebäude der Post. Davon abgesehen ist die Stadt sehr amerikanisch geprägt, Auto zentriert und Fast Food durchpflügt. Bei meinem migrierten amerikanischen Freund würden die Glocken klingeln, Taco Bell an jeder Ecke. Nach einer Stunde flüstert mir Joshua Simon ins Ohr: “we are done” mit San José. 

Es stehen aber noch kleine ToDos auf meiner Liste. N’Sync hat den richtigen Impuls für mich: “bye, bye, bye” geliebtes Gepäck: “buy, buy, buy” neue schöne Buchsen. Statt Woolworth wähle ich Jane & Giovani. Wenn ich mich schon mit dem Customer Service bzgl. Rückerstattung rumschlagen muss, dann soll es sich doch bitte lohnen. Haindling ruft mir aus dem Spiegel zu: “Uh, du siehst aber gut aus”.

Abends nimmt mich StreamGuild mit auf einen “evening with friends”. Ich treffe mich mit dem Bruder von Jesis Studienkollegen, der mir einen Ausflug zu einer der 500 animal rescue centers des Landes empfiehlt. Ich schäkere mit Affen, bewundere die bunten Flügel der Aras und knuddle ein Faultier. Bei craftet Costa Rican Beer erfahre ich jede Menge über die Wirtschaft Costa Ricas. Die amerikanische Überpräsenz, insbesondere in den extra dafür geschaffenen zoll- und steuerfreien Zonen, führt dazu, dass 40 Prozent der Wirtschaftsleistung auf die Herstellung medizinischer Hilfsgüter entfällt, die in die USA exportiert werden. 30 weitere Prozent entfallen auf Dienstleistungen, die überwiegend aus Call Centern für amerikanische Unternehmen bestehen. 8 Prozent steuert der Tourismus bei, weitere 4 Prozent jeweils der Anbau von Ananas und Bananen. Nur 2 Prozent entfallen auf die Kaffeeplantagen. Ich hätte auf mehr getippt. Die Antwort liefert Ennio Morricone aus einem von meinem Vater so verehrten Italo Western: „Spiel mir das Lied vom Tod”. Die früheren Kaffeebarone haben den Geldsegen für unendlich gehalten und die Veränderungen in der Anbautechnik ignoriert und jetzt fehlt ihnen das Geld für größere Investitionen, die nötig wären, um konkurrenzfähig zu bleiben. Wenn ihr also demnächst an einer hippen Kölner Kaffeebud vorbeikommt, genießt noch ein Tässchen Costa Rica Kaffee, es könnte bald der letzte sein.

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