Ninja Turtles – der Ursprung der Schildkröten

Dank Jetlag startet mein Tag um 4 Uhr mit Hannes Wader: war ich heut noch hier, bin ich morgen schon dort. Und gestern Abend hatte ich noch schnell entschieden, wo dieses dort sein soll: Tortuguero – den Schildkröten auf der Spur. Ich schlängle mich zwischen Elend und Misere auf dem Weg zum Busbahnhof. Ein Bild, was ich leider schon oft gesehen habe. Mitleid und Hilflosigkeit sind die Gefühlsbegleiter an diesem Morgen.

Die Fahrten mit verschiedenen Regional- und Fernbussen verlaufen problemlos. Fahrpläne sind gut aufeinander abgestimmt und alles pünktlich, ich bin beeindruckt. Ich lehne mich zurück und verlasse mich auf Billy Always: “Watch out”. Diesen Rat hätte das rüstige Franzosenpärchen auch besser beherzigt, beim nächsten Umstieg stellen sie fest, dass ihnen von hinten die Geldbörse aus dem Rucksack entwendet wurde. Geschrei und Geheul ändern am Zustand nichts und die letzten verbleibenden Notdollar nimmt der Busfahrer gerne zu einem für ihn passenden Wechselkurs entgegen.

Wir erreichen La Pavona, Endstation vom Bus. Von hier aus geht es nur mit Sparx weiter: “Take me down to my boot on the river”. Für ein paar Colone erwartet uns eine spektakuläre Bootstour durch den Dschungel. Julio erwartet mich am Anleger und führt mich zur Unterkunft. Ich habe absichtlich eine Unterkunft ausgewählt, die noch keine Bewertung hat. Einfach für den Nervenkitzel, ist es ein Reinfall und oder eine schöne Unterkunft zu günstigem Preis. Das Glück ist mit dem Abenteurer. Schon auf dem Weg dahin habe ich ein gutes Gefühl. Julio ist ein netter Kerl und als ich seine Frau Andrea und ihre beiden Kinder kennenlerne, fühle ich mich sehr wohl dort. Die Unterkunft ist einfach und sauber und der Vorteil der fehlenden Bewertung bedeutet, dass ich alles für mich alleine habe. 

Ich wache auf aus einem unruhigen Traum. Ich sehne mich wie Bonnie Tylor: “I need a hero”. Mit Daniel, Hannah und Leo bin ich in Kontakt geblieben, alle haben ihr Gepäck 1 bis 2 Tage später zugestellt bekommen. Mir bleiben nur zwei Optionen: akzeptieren oder hoffen. Ich übe mich in Akzeptanz, schaffe es aber noch nicht, mich innerlich von meiner Hängematte und insbesondere meinen Büchern zu verabschieden. Zwei Dinge, die sich hier nicht adhoc ersetzen lassen. Als hätte mein Traum irgendeine Auswirkung gehabt, sehe ich eine neue Nachricht von Carmen, der engagierten Service-Mitarbeiterin von Lufthansa in San José: „ich bleibe dran, schick mal ein Foto von deinem Gepäck, das hilft beim Nachforschen“. Gesagt, getan. Mein Pendel schlägt weiter Richtung Hoffnung. 

Gut, dass ich schon wach bin. Es ist kurz vor 5 Uhr, Zeit, dass ich mich fertig mache. Um 5:30 Uhr ist Sonnenaufgang und Treffpunkt für die Kajaktour. Ich mustere die Truppe und frage mich, ob sich die alte Kanuweisheit auch heute wieder bestätigen wird: Die beste Ausstattung macht noch keinen guten Kanuten. So ist es, der selbstbewusste Holländer kommt bei leichtem Wellengang durch herumfahrende Motorboote sofort ins Straucheln.  Seine wasserfeste GoPro würde eine Kenterung überstehen. Ob ihn seine teure Neoprenhose vor einem Caimanbiss schützt, wissen wir nicht, aber soweit kommt es nicht. Laut unserem Guide ist seit 50 Jahren nichts passiert. Ich gönne mir die Show und paddel als letzter. Viel Einführung von unserem Kajakguide gibt es nicht, so bleibt es unterhaltsam. Wobei das Wasser nicht anspruchsvoll ist, so dass alle sich nach und nach eingroven. 

Die diesige Regenwald Atmosphäre verleitet einige dazu, ihre Brille zu putzen. Und ich warte fast ein bisschen schadenfroh auf den berühmten Kurt-Moment (für nicht Eingeweihte: es war einmal ein gut ausgestatteter Kanute, der mit vorlieben auf seichten Gewässern beim Brille putzen sein Boot gekentert hat). Der Moment geht vorbei und wird abgelöst von der Faszination der Tierwelt. Wir sehen 1000 Vogel- und Reptilienarten, von denen ich allerdings nur einen Bruchteil wahrnehme. Ah da, ein besonders schönes Exemplar. Erst als der Guide mich auffordert, nicht zu nah heranzupaddeln, sehe ich den feinen Unterschied. Wir betrachten nicht den Vogel sondern den Caiman. Er taucht ab, dass war ihm dann doch etwas zu fühl Tuchfühlung. Wir begeben uns in dichtes Buschwerk und paddeln in den Regenwald zweiten Grades. Das bedeutet, es kommt noch ein Minimum an Licht durchs Blattwerk (Regenwald ersten Grades ist stockfinster). Der 312 Quadratkilometer große Nationalpark hat noch viel zu bieten. Als unser Holländer sich in einer Liane verfängt, kommt von unserem Guide der beiläufige Hinweis: besser nicht anfassen, könnte immer auch eine Schlange sein. Das beruhigt seine Nerven ungemein und unser Guide, der mich immer mehr an meinen Amazon Buddy Welleaten erinnert (Erläuterung für Nichteingeweihte: ein netter Charakter, dem ich über die Zeit im Amazonas immer weniger mein Leben anvertraut habe, nachdem er mich mit einem gefällten Brotnussbaum im Urwald fast erschlagen hätte). Wir schlängeln uns weiter durch den Urwalddickicht und die Gefühle gehen von Genuss pur (ich) bis emotional gestresst (Holländer). Zum Abschluss noch ein heftiger Regenfall, der bei einer authentischen Dschungeltour nicht fehlen darf.

Die Mücken stechen mich deutlich mehr als in früheren Tropenurlauben. Das mag eventuell auch an einem gestiegenen Fettgehalt im Blut liegen und Sia erinnert mich daran, wieder mehr auf Linie zu kommen: “Move your body”. Eine Runde Jimmy und danach so viel Yoga, wie ich mich erinnere (das ist noch nicht sehr viel) und ich fühle mich ein klein bisschen besser. Zum mindest so viel, dass ich mir beim Kiosk als Belohnung getrocknete Kochbananen mit Limone und Salz gönne.

Andrea kommt mir entgegen, ganz aufgeregt, ich müsse mich schnell ins WLAN einloggen, sie hat gerade mit Carmen von Lufthansa telefoniert (woher kennen die sich?), sie glaubt meinen Rucksack gefunden zu haben. Ich bin ganz aufgeregt und vergesse nachzufragen, woher sie Carmen kennt. Sie hat mir mehrere Fotos geschick und Pharrell Williams posaunt: “Happy”. Er ist dabei und kommt per DHL Express World am selben Tag per Boot bis in die letzte Ecke des Landes, sodass er am Abend vor meiner Tür steht. Ich bin erstaunt, was er von seiner Reise erzählen kann. Keane fasst zusammen: “Somewhere only we know”. Unter falscher Identität reiste er mit United Airlines (wo kommen die ins Spiel?) nach Houston, Texas. Ich freue mich, dass Caris Lafleur keinen Anspruch auf meinen Rucksack erhebt und er weitergereicht wird nach San José, wo die Gute zuvor Urlaub gemacht hat. Nur weil die pfiffige Carmen einfach alle Rucksäcke fotografiert hat, die bei ihr aufgelaufen sind, hat dieses Kapitel ein Happy End. Beseelt von so viel Glück verteile ich die mitgebrachten Haribos an Andreas Kinder und deren Freunde. 

Die Herzlichkeit wird postwendend erwidert und ich erhalte traditionelles karibisches Frühstück aufs Haus. Der Tag ist jung, der Strand ist lang, Casey Olsen nimmt mich mit zu “walking on the beach”. Ein plastikes Beispiel, warum Klima- und Umweltschutz immer global gedacht werden muss, sind die zahlreichen Wasserflaschen aus Jamaika am Strand. Jener Strand der Teil des Costa Rica Nationalparks ist, bei dessen betreten dein Rucksack kontrolliert wird, da das Mitbringen von Plastikverpackungen untersagt ist.

Beim Wandern am Strand, 3000 Schritte und nicht eine Menschenseele, muss ich an den alten Klassiker denken, den ich als Kind mit meinem Vater im schwarz-weiß Fernsehen gesehen habe: „der alte Mann und das Meer“. Na gut, so alt fühle ich mich echt noch nicht und den Hai hätte ich im Kanu paddelnd auch nicht so lange festgehalten wie im Film. Aber diese verlassene Fischerdorf und Strandatmosphäre ist einfach herrlich. Und so “walking on sunshine“ ich dahin unter sengender Sonne auf Strand, der von Vulkanasche schwarz gefärbt ist. Ich genieße die Kulisse: karibisches Meer, Sandstrand, Palmen, direkt angrenzender Dschungel und naja, eben jamaikanische Wasserflaschen. Eine Naturbeobachtung: wirf eine Kokosnuss in den Sand und es wächst eine Palme draus. Wirf eine Plastikflasche in den Sand und es verreckt ein Krebs darin.

Nach einem ausgiebigen Strandtag und einem halben Buch später suche ich King Louie, um ihn zu fragen: “Wo ist die Kokosnuss” und reiche ihm 2000 Colone dafür. Alles erlebt, alles gesehen, nur keine Schildkröten. Aber hätte man die Ninja Turtles so einfach entdeckt, wären sie nicht so berühmt geworden.

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