Auf einen ruhigen Schlaf, folgt ein lautes Erwachen. Aaliyah brüllt mir ins Ohr: “Try again”. Ok, mache ich. Mein kleiner Rucksack ist gepackt und ich stelle mich mit reichlich zeitlichem Vorlauf an die Straße und strecke meinen Daumen in die Höhe. Bei so vielen Touris, die mit ihren Mietautos hier herumkurven, muss doch jemand zu finden sein, der das Konzept des Trampens noch kennt und mich ein Stück mitnimmt. Den Fragezeichen in den Augen der Fahrer entnehme ich, dass dies wohl eine Fehleinschätzung war. Schon fast resignierend, wäge ich meine Optionen zwischen Bus und Uber ab, da halten zwei nette Menschen: A dónde vas? Argentinos, sie müssen die Seelenverwandtschaft in meinen Augen erkannt haben.
Guns ‘N Roses markieren den Startpunkt dieses aufregenden Abenteuers: “Welcome to the jungle”. Mein heutiger Guide Theresa: eine drahtige Tschechin. Sie führt mich durch unberührten Urwald, zeigt mir rote und grüngepunktete Frösche, alle hochgiftig, und erzählt mir von ihrem Freund, dem Maniac, der slowakische Ingenieur mit dem unbeugsamen Drank, überall hochzuklettern. Eingestellt war ich darauf, dass wir in kleiner Gruppe unterwegs sind und freue mich bereits innerlich, dass ich, gegebenenfalls aufgrund des nassen Wetters, wieder mal Exklusivität genieße. Irgendwann bleiben wir stehen und schauen nach oben. Dort offenbart sich des Maniacs Meisterwerk. Er hat in einer Höhe von 25 Metern ein zweigeschossiges Baumhaus in den Baumkronen des Dschungels errichtet. Ich sehe noch mehr Stiefel am Boden und vermute kurz, dass die anderen wohl doch schon da sind. Bis ich feststelle, dass es nur Marco ist, der mir von oben beim Hochklettern hilft. Die Theorie der freischwebenden Klettertechnik habe ich verstanden. Die Kraft muss immer aus den Beinen kommen. Als ich das Baumhaus erreiche, brennen meine Oberarme, die praktische Umsetzung hat wohl noch eine Lernkurve vor sich. Nachdem ich wieder zu Atem komme, bestaune ich das Meisterwerk. Sogar Dusche und Toilette hat er eingebaut, samt ausgeklügelten Regenwassersystem. Nur Spüli und Seifenspender wirken bei so viel Naturverbundenheit fehl am Platz.
Von unten rufen sie noch: bis morgen, wir kommen mit Frühstück um 8 Uhr. Ich bin noch damit beschäftigt, diese Information zu verarbeiten und LEA verdreht mir mit “Funky Monkey” den Kopf. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass keiner etwas von Abendbrot erwähnt hat und ich teile mir in Gedanken schon meine Ration Nüsse für die nächsten 20 Stunden ein. Da ertönt ihre Stimme aus dem Off: Abendessen hast du nicht gebucht, du hast dir also Verpflegung mitgebracht? Äh, nö. Aber kein Problem, in guter Clint Eastwood Manier: Für eine Handvoll Dollar mehr gibt es Hühnchen in Kokosmilch und ein kaltes Bier.
4 Stunden später klopft bereits mein Urwaldlieferservice mit dem Abendessen an. Es gibt lauwarmes Hühnchen aus Styroporverpackung und kaltes Dosenbier. In Argentinien sagt man dazu: casa de herrero, cuchillo de palo (Haus des Schmieds, Löffel aus Holz). Frei interpretiert bedeutet dies: wer im Baumhaus lebt, liebt Fast Food.
Der Dschungel ist etwas für alle Sinne: ich sehe Tukane, Aras und Monsterschmetterlinge an mir vorbeiflattern. Ich fühle die Mücken, rieche die Bäume und höre vor allem Affen. King Louie und seine Brüllaffen Brüder machen ordentlich Krach, so laut, dass ich im Dunkeln das Gefühl habe, sie säßen auf meiner Bettkante. Ein wenig beruhigend, dass außerhalb Deutschlands in jeder verlassenen Ecke der Welt 4G Netz verfügbar ist. So weiß ich, im Ernstfall kann ich Julian anrufen, er würde mich mit einem Lufthansa Airbus hier rausholen. Mit diesem Gedanken und mit Unterstützung von Luca Hayes “Paradise Unplugged” kann ich ruhig und friedlich einschlafen und träume davon, dass Costa Rica demnächst in die EU kommt, sodass Homeoffice von hier aus möglich wird.
Little Louie kann es gar nicht erwarten, mich um 5:30 Uhr zur ersten Morgendämmerung zu wecken und nach und nach erwacht der ganze Urwald um mich herum. Mit Jimi Hendrix “Jungle” auf den Ohren teste ich die Regenwalddusche und höre wie die Lianen meinen Nachtschweiß auffangen.
Nach einem abwechslungsreichen Frühstück mit Ei, Avocado, Müsli und frischem Kaffee, diesmal nachhaltig selbstgemacht und in Tupperdosen, beginnen wir den Abstieg. Das Abseilen macht wesentlich mehr Spaß als das Hochklettern. Ich genieße den Ausblick bis ich Auge in Auge mit Spiderman bin, danach ziehe ich die Füße näher zum Körper und achte auf meine unmittelbare Umgebung bis ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Unsere Expedition á la Ernest Hemingway, Guide mit Machete vor mir und hinter mir, macht sich auf den Rückweg. Wir schlagen uns einen Weg durch den mit 80 Prozent aus Lianen bestehenden Dickicht. Ich bin fasziniert von den ‚Laufenden Bäumen‘, die innerhalb von 14 Tagen 10 cm wandern können, in dem sie neue Wurzeln bilden und alte abstoßen. Fleißige Ameisen flitzen um unsere Füße und verschwinden in ihrem 7 Meter tief ins Erdreich führenden Bau. Ich erfahre, dass der Grund für das Tragen von Gummistiefeln nicht unmittelbar der Schutz gegen Schlangenbisse ist, sondern vielmehr die Prävention, da Schlangen die Körpertemperatur wittern und sich großteils auf Bodenlevel aufhalten.
So fasziniert wie ich über die Natur bin, so fasziniert muss ich noch über das Werk des Slowaken nachdenken. In nur 2 Wochen hat er das Baumhaus in einem 50 Meter hohen Mahagony Baum errichtet. Alle Bauteile wurden mit Unterstützung fleißiger Helferlein mit bloßen Händen durch den Urwald geschleppt und in schwindeleregender Höhe zusammengesetzt. Wer an mehr Details interessiert ist, RTL war auch schon hier: Link folgt.
Zum Abschied gibt mir Theresa den Tipp, ich könnte von Manzanillo nach Punta Uva am Strand zurücklaufen, dauert nur ca. 1 Stunde, die Strecke geht sie öfter mit ihren Hunden. Auf halber Strecke frage ich mich, wie die Hunde hier durchkommen, ohne weggespült zu werden. O’Bros hat die Erklärung: “durch die Flut” schwimmen. Die Abenteuerneuronen melden sich am Kleinhirn: Rucksack übern Kopf und los geht’s. Angekommen, Sport und Adrenalin für heute erledigt.
Ich freue mich, alte Bekannte wiederzutreffen. Felix hält mir ein kaltes Bier hin: keine Termine und leicht einen Sitzen. Das Konzept des Day Drinkings wird mit zunehmendem Alter immer attraktiver. Es folgen schöne karibische Tage mit Johnnie Walker im Club der Gleichgesinnten. Jasmin, die weltbeflissene Autorin erzählt spannende Abenteuer und abends bin ich der 3jährigen Helena beim Kartenspielen haushoch unterlegen. Immer begleitet von einem schönen Rauschen, welches nicht nur von Johnnie kommt, sondern vor allem von den am Strand brechenden Wellen. Eine Stoppuhr, um die Zeit anzuhalten, wäre jetzt ein willkommenes Accessoire.

































Bilder und Text sind einfach köstlich, freue mich sc hon auf den nächsten Text.
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